USA & China: Globaler Machtkampf zwischen Manifest Destiny und Seidenstraße

China und die USA – seit dem Niedergang der Sowjetischen Union sowie der bipolaren Weltordnung kristallisiert sich dieses Duell immer mehr zu einem Wettkampf heraus, der die Weltbühne des 21. Jahrhunderts bestimmen dürfte. Doch was sind die genauen Ambitionen und Perspektiven der beiden Rivalen?


China, das gemäß seiner Geschichte das Selbstbild einer einflussreichen Weltmacht nie aufgegeben hat, ist seit Beginn des 21. Jahrhunderts im Streben nach globalem Einfluss als internationaler Akteur aufgetreten und untermauert diese Ambitionen zurzeit mit der Belt and Road Initiative (BRI). Das Projekt von Xi Jinping, Machthaber seit 2013, umfasst insgesamt mehr als 60 Länder Europas, Asiens und Afrikas und dabei 60% der Weltbevölkerung sowie circa 35% der Weltwirtschaft. Insbesondere in Afrika tritt China ohnehin seit geraumer Zeit als Investor und vordergründig großzügig-jovialer Staatenpartner auf. Bei der BRI, die Erinnerung an vergangene Erfolgszeiten der Seidenstraße und der damit einhergehenden geopolitischen Dominanz Chinas wecken soll, handelt es sich nicht nur um ein Marketingprojekt Xis – etliche Beispiele, darunter einige in Europa, sprechen eine andere Sprache.

Die BRI als Chinas geopolitisches Machtinstrument 

Jüngst erweckte die Meldung Aufsehen, dass G7-Staat Italien als Partner des Projekts gewonnen wurde und sich folglich stärker für chinesische Investitionen öffnet. Ein bemerkenswerter Schritt, zieht man in Betracht, dass Italien nicht nur für das transatlantische Verhältnis, sondern auch innerhalb Europas eine gewichtige Rolle einnimmt. Seien es die Häfen von Piräus oder Triest, Bilder von chinesischen Langstreckenzügen oder Sino-Investoren in Afrika – China präsentiert sich mit starker öffentlicher Präsenz und versucht den Vereinigten Staaten die Rolle als globaler Hegemon streitig zu machen. Inwieweit diese internationalen Bestrebungen nur ein Mittel sind, um von innenpolitischen Konflikten wie dem Aufstand in Hongkong oder dem höchst umstrittenen Umgang mit den Uiguren in Xinjiang abzulenken, ist dabei ein delikates Streitthema in Verhandlungsräumen von Washington bis Brüssel.

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Amerikas Reaktion - America first, China last? 

Die USA haben nicht erst seit der Amtsübernahme Donald Trumps das Wiedererstarken im fernen Osten erkannt und Gegenmaßnahmen ergriffen. Die öffentlichkeitswirksamen Sanktionen, die Trump gegenüber China erlässt, werden dabei von der Öffentlichkeit Amerikas größtenteils goutiert. So zeigten jüngste Umfragen in der amerikanischen Bevölkerung, dass China mehr und mehr als Rivale eingeschätzt wird. Eine Einschätzung, die auch auf Regierungsebene geteilt wird: Das chinesische BRI-Projekt wird beispielsweise durch amerikanische Infrastrukturmaßnahmen im asiatischen Raum gekontert.

Und auch aus wirtschaftlicher Sicht stehen die Chancen für Trumps Anti-China-Kurs passabel; laut Zahlen des OEC ist China zwar das größte Herkunftsland amerikanischer Importe (Umfang: 477 Milliarden US-$, 22% der gesamten Importe), nach Mexiko und Kanada allerdings nur drittgrößter Empfänger amerikanischer Waren (Umfang: 133 Milliarden US-$, 11% der gesamten Exporte). Für China hingegen sind die USA mit weitem Abstand wichtigster Abnehmer der eigenen Waren (20%) und auch auf der Importseite ein wichtiger Partner (8,7%). Die traditionell starke Exportindustrie der Chinesen, das Zugpferd der hiesigen Wirtschaft, ist also stark abhängig von den USA als größtem Abnehmer.

Gleichwohl ist die hohe Zahl chinesischer Importe auf amerikanischer Seite ein Faktor, der eine Einigung im anhaltenden Handelsstreit als wahrscheinlichstes Szenario erscheinen lässt. So hat sich das bilaterale Handelsvolumen der beiden größten Volkswirtschaften der Welt seit Jahresbeginn um 15,2% verringert; ein Zustand, der für beide Wirtschaftsräume nicht folgenlos bleibt.

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Globaler Wettstreit im Geschichtskontext 

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Eine der Motivlagen für Chinas offensiveres Auftreten auf der Weltbühne ist seine Geschichte; über die Jahrhunderte hinweg waren chinesische Gebiete im Visier globaler Kräfte wie beispielsweise der Briten während der Opiumkriege. Hieraus entstand eine Mentalität, die sich auf den Schrecken kolonialer Fremdbestimmung gründet und eine Dominanz im ostasiatischen Raum als Grundlage für die geopolitische Vormachtstellung sieht. Ferner gilt insbesondere in Regierungszirkeln Chinas die Wahrnehmung, dass internationales Recht hauptsächlich der Zügelung von Sino-Machtbestrebungen dient; folglich wird dieses weitgehend ignoriert. Und tatsächlich hat sich China in den letzten Jahrzehnten eine Stellung erarbeitet, die sowohl der regierenden Kommunistischen Partei als auch dem Staat als außenpolitischen Akteur weitestgehend Handlungsspielraum einräumt – Kräfte, die von außen auf das Regierungshandeln Chinas einwirken, sind heutzutage eher ein Relikt der Geschichte denn realpolitische Aktualität.

Amerika hingegen ist spätestens seit dem Untergang des Warschauer Pakts unangefochtene Weltmacht. Diese Stellung aufrechtzuerhalten ist gerade in Anbetracht der Vielzahl an Institutionen, die bei der amerikanischen Außenpolitik Mitspracherecht genießen, ein veritables Unterfangen. Doch gerade das Fehlen einer klaren, mit einer Stimme ausgesprochenen Grand Strategy gegenüber dem weltpolitischen Parvenü China dient als Gradmesser für die vielen Triebkräfte, die aktuell auf das weiße Haus einwirken und ein einheitliches Handeln erschweren. Hinzukommt eine neo-isolationistische Attitüde, die insbesondere seit dem Amtsantritt von Donald Trump in Washington Einzug hält. Internationale Abkommen werden gekündigt, Einsätze beendet und Wirtschaftsschranken erhöht ­– allesamt Zeichen einer Besinnung Amerikas auf den eigenen Staatenbund, der sich seit den Gründungstagen um Manifest Destiny und American Dream zur Weltmacht gemausert hat.

Mit Ausblick auf die kommenden Jahre oder gar Jahrzehnte bleibt also abzuwarten, inwieweit ein möglicher Regierungswechsel in den USA das internationale Machtgefüge – etwa im Zuge eines außenpolitischen Wiedererstarkens der Vereinigten Staaten – verändern könnte. Am chinesischen Großmachtstreben hingegen besteht kaum Zweifel; offen bleibt nur die Frage, ob eine sino-zentrische Weltordnung die amerikanische Dominanz ablösen kann oder gar ein Konflikt der beiden Staaten um die globale Vormachtstellung entsteht.

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Konrad Ringleb

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