Fellow werden bei Teach First Deutschland

Lea Sophie ist als Fellow im Einsatz an Brennpunktschulen. Foto: Felix Groteloh

Auch in Deutschland gibt es erhebliche Chancenungleichheiten im Bildungssystem. Diese Ungleichheit lässt sich bereits in der Schulzeit feststellen.  So besuchen Akademikerkinder “weit häufiger” die gymnasiale Oberstufe als Kinder von Nicht-Akademikern.  "In der Realität hängen die Bildungschancen junger Menschen in erheblichem Maße von ihrer sozialen Herkunft ab", so die Bundeszentrale für politische Bildung. Gerade an den Schulübergängen scheitern viele Kinder. Das liegt nicht daran, dass es den Kindern an Begabung fehlt, sondern an Unterstützung. Dabei sind besonders Kinder betroffen, die aus Familien mit Migrationshintergrund kommen oder in einer sozial schwachen Umgebung leben. Die Meisten von ihnen kommen dann noch an eine “Brennpunktschule”. An solchen Schulen fehlt es nicht nur an Ausstattung, sondern an Kapazitäten um diesen Kindern die Unterstützung zukommen zu lassen, die sie jedoch dringend brauchen. Genau dieser Problematik widmet sich Teach First Deutschland. Als Fellow (“Kollege”) bietest du den Kindern und Jugendlichen die Unterstützung, die sie brauchen um selbstbewusst ihre Zukunft zu gestalten. Fellows sind Hilfskräfte, die ergänzend zum Lehrpersonal die Lücken im Bildungssystem schließen und somit einen wichtigen Beitrag zur Gesellschaft leisten. Als Fellow unterrichtest du die Schüler und kannst dich neben deinem sozialen Engagement von Teach First Deutschland in verschiedenen Bereichen ausbilden lassen. Einen genauen Einblick über den Alltag eines Fellows gibt dir Lea-Sophie.

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Mein Fellow Einsatz: "Ich wachse immer mehr über mich selbst hinaus"

"Ich wachse immer mehr über mich selbst hinaus" - Fellow Lea-Sophie im Einsatz

"Ich wachse immer mehr über mich selbst hinaus" - Fellow Lea-Sophie im Einsatz

Ich bin eine sogenannte Fellow. Das bedeutet, dass ich mich dazu entschieden habe für 2 Jahre an einer Schule sehr intensiv zu arbeiten. Mein Arbeitgeber ist Teach First Deutschland, eine gemeinnützige Organisation, die sich für Bildungsgerechtigkeit einsetzt, bezahlt werde ich aber vom Land. Diesen Job kann man machen, wenn man mindestens einen Bachelor hat und sich für Bildung interessiert. Beides habe ich. Darum, und weil ich mich nicht weiterhin hauptsächlich theoretisch mit struktureller Ungleichheit befassen wollte, habe ich mich beworben, wurde nach mehreren Bewerbungsschritten angenommen und nun sind es plötzlich nur noch 3 Monate bevor mein Einsatz schon vorbei ist. Dieser war sehr intensiv und die Zeit ging schnell vorbei. Ich weiß, ich werde sie unglaublich vermissen.

Was macht man als Fellow?

Was man dann an der Schule macht, kommt sehr auf die eigene Persönlichkeit an. Es gibt ein paar Rahmenbedingungen (zum Beispiel 24 Kontaktstunden mit Schüler*innen), was ich aber wie mache, kann ich sehr frei entscheiden. Und so kam es dazu, dass ich die 9.&10.Klässler*innen einer Werkrealschule in Englisch und Deutsch unterstütze. 20 von ihnen sind meine Fokusschüler*innen, sowas wie meine Schützlinge. Diese haben objektiv betrachtet weniger Chancen im Bildungssystem, weil sie Deutsch erst als Sprache lernen müssen, sie vor Kurzem zugezogen sind, aus einem bildungsfernen Elternhaus kommen, sie (finanzielle) Schwierigkeiten zu Hause haben oder generell einfach mehr Unterstützung beim Lernen brauchen. Das derzeitige Bildungssystem bietet ihnen diese Unterstützung nur geringfügig. Und deswegen bin ich da und probiere ihnen das zu geben, was ihnen zustehen sollte. Ich bin sozusagen wie eine große Schwester, der man die Hausaufgaben mal zum Kontrollieren geben kann, von der man nebenbei einen guten Ratschlag bekommt und viel Wertschätzung - und das alles in Form einer Lehrkraft. Diese Rolle einzunehmen macht unglaublich viel Spaß, denn ich sehe wie wichtig Unterstützung sein kann.

Nach und nach macht jemand mal stolz eine Hausaufgabe, fängt an für einen Test zu lernen oder kommt einfach mal öfter zur Schule. Da ich mit den meisten Schüler*innen eine gute Beziehung aufgebaut habe, nehme ich mindestens so viel wie sie aus der Schule mit. Ich gehe da jeden Tag sehr gerne hin, bekomme liebe Rückmeldungen („Guten Morgen, Frau Mülliiiii“) („Frau Müller, ich hab sie so vermisst“) und wachse immer mehr über mich selbst hinaus. Ich lerne wie man guten Unterricht gestaltet, schwierige Konfliktgespräche führt und Kindern aus prekären Verhältnissen durch Bildung kleine Flügel verleihen kann.

Selbstständig Ideen umsetzen

Neben Englisch und Deutsch, biete ich übrigens auch noch ein paar AGs an. Eine Improvisationstheater-AG (ja, es ist sehr laut, aber die Schüler*innen haben mal den Freiraum spontan in andere Rollen zu schlüpfen, was ja schließlich eine gute Vorbereitung für die große Komödie „das Theater des Lebens“ ist), eine Abschlussvorbereitungs-AG (schließlich will ich den Schüler*innen auch dabei helfen, dass sie gute Anschlussmöglichkeiten haben, sei das eine weiterführende Schule oder Ausbildung) und eine Englisch-AG (in der sie mal nur sprechen können und damit Skills für die Zukunft entwicklen). Damit die Schüler*innen mal andere Kontexte und Perspektiven kennenlernen, mache ich viele Ausflüge mit ihnen und lade Expert*innen an die Schule für Workshops ein. Ich finde einfach Schule bedeutet nicht nur den Lehrplan des Kultusministeriums abzuarbeiten, sondern auch Schüler*innen Freiräume zu geben sich selbst zu entdecken – und das auf ganz unterschiedliche Weisen.

In einem großen Netzwerk arbeiten

Das spannende an dem Fellow-Dasein ist, dass ich das Ganze nicht nur alleine mache, sondern, dass es ein großes Netzwerk gibt und ich mit vielen anderen Fellows und Alumni im Kontakt bin. Ein Fellow-Dasein ist aber nicht nur schön, sondern kann auch sehr anstrengend sein und mich an meine Grenzen stoßen lassen. Die Unterstützung, die auch ich brauche, bekomme ich sehr durch die anderen Fellows und auch natürlich durch Teach First Deutschland. Mit anderen Fellows, habe ich auch ein sehr spannendes Lerncamp entwickelt. Das heißt "Work Hard - Get Smart". Es lohnt sich zu googeln.

Mir gefällt das Lehren an einer Schule so gut, dass ich jetzt Lehrerin werden möchte. Natürlich nicht an irgendeiner Schule und irgendwie. Nein, mir ist ganz wichtig auch weiterhin den tief verankerten Gedanken von Bildungsgerechtigkeit zu verfolgen und die Vision von guter Bildung für alle Kinder mitzutragen. Die Schule ist ein Ort, wo jedes Kind jeden Tag in Deutschland hingehen muss. Im Klassenraum treffen Menschen aufeinander, die sich vielleicht sonst nie gesehen hätten und wenn man viel Energie, Struktur und Wertschätzung hinzugibt, kann sich irgendwann eine kleine Familie entwicklen, die jemanden auffangen kann, der gerade Schwierigkeiten hat. Schule ist der Ort, wo Zukunftswünsche praktisch verankert werden können. Genau dort, wo alle guten Debatten enden, fängt Schule an. Deswegen bin ich da und deswegen bin ich Fellow.

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Aleksandra N.D. Engler

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