Wie ist die Europäische Union entstanden ?

Europa – ein Akteur der in unserer heutigen Welt kaum weg zu denken ist. Ein Konstrukt, welches viele versuchen zu beschreiben , als normative Macht, als zivile Macht oder als militärische Macht. In jedem Fall aber ist sie in ihrem vollen Umfang einzigartig. Ein Kontinent, auf welchem zahlreiche Kriege stattfanden und in dessen Geschichte Feinde vielleicht nicht zu Freunden, im Sinne einer absoluten Gleichberechtigung- aber zu engen Verbündeten wurden.Heute umfasst die Europäische Union 28 Mitgliedsstaaten. Wie ist sie entstanden, wie konnte sie zu dem werden, was sie heute ist? Welche Merkmale machen sie einzigartig und was war notwendig, um den Status quo zu erreichen?

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1) Die ersten Bausteine

18 April 1951: Die Länder Deutschland, Frankreich, Italien und die Benelux Staaten Belgien, Italien, Luxemburg und die Niederlande unterzeichnen den Vertrag zur Montanunion

  • Die Montanunion–Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl ( EGKS )

1951 Begonnen hatte die Europäische Integration mit der Kooperation in einem wirtschaftlichen Bereich: Der Kohle,- und Stahlproduktion, auch Montanunion genannt. Sie bildet die Erste supranationale Organisation und geht auf Robert Schumann zurück. Dieser Schritt hatte zwei wesentliche Gründe: Einerseits wollten die betroffenen Akteure nach dem Zweiten Weltkrieg den Frieden in Europa sichern. Zu viele waren gestorben, zu lange konnte man kein normales Leben führen. Der andere Grund liegt darin, dass Kohle und Stahl kriegswichtige Ressourcen sind, durch deren Überwachung man sicherstellen kann, dass nicht doch im Verborgenen Kriegsmaterialien hergestellt werden. Die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl wurde 1951 von den Ländern Frankreich, Deutschland, Italien, Belgien, Luxemburg und der Niederlande gegründet. 

Hierbei wurde erstmals eine supranationale Behörde eingerichtet. Sie hatte die Aufgabe der Regulierung und sollte diesen Sektor ordnen, festsetzen und überwachen. Das Besondere hierbei ist, dass die Mitgliedstaaten erstmals einen Teil ihrer nationalen Souveränität, ihrer Machtbefugnisse an eine europäische Organisation abgaben – freiwillig. Sie alleine hatte die Kompetenz, für für alle Mitgliedstaaten gemeinsam verbindliche Regelungen bezüglich der Produktion in dem Bereich Kohle und Stahl zu treffen. Heute ist sie Teil der Kommission der Europäischen Gemeinschaften.

Durch die Montanunion wurde nun erstmals ökonomische Interdependenz, also ökonomische Abhängigkeit geschaffen. Diese Abhängigkeit wurde mit der Zeit erweitert 

  • Die Europäische Verteidigungsgemeinschaft (EVG) und Die Politische Gemeinschaft (EPG)

Da die Kooperation in einem wirtschaftlichen Sektor erfolgreich war, wollte man die Partnerschaft der Länder weiter ausdehnen und vom wirtschaftlichen in den politischen Raum greifen. 1952 gründeten die Mitgliedstaaten die europäische Verteidigungsgemeinschaft EVG und die politische Gemeinschaft EPG.

Die Europäische Verteidigungsgemeinschaft geht auf einen Vorschlag von dem französischen Ministerpräsident Rene Pleven (1901- 1993) zurück und war der Versuch, eine gemeinsame europäische Armee zu erschaffen und aus Europa eine politische Union zu machen. Auch sollte eine deutsche Wiederbewaffnung verhindert werden. Im Mittelpunkt stand ebenfalls die Frage nach der Rolle und der Strukturierung der deutschen Armee. Deutschland forderte das Ende des Besatzungsstatus und man war sich über die Größe der nationalen Einheiten uneinig. Auch gab es Meinungsunterschiede bezüglich den Waffensystemen die Deutschland erhalten solle und die Besetzung der Führung.

Es wurden dennoch Kompromisse gefunden und das Dokument wurde von allen Parlamenten ratifiziert. Außer in Frankreich selbst - Dort hatte man Angst die Kontrolle über die Armee zu verlieren und das Kommando unter europäische Behörden zu unterstellen. Das Dokument wurde nicht ratifiziert und somit scheiterte die Europäische Verteidigungsgemeinschaft .

​Zusammenfassung :

  • ​1951 wurde in Paris die Montanunion gegründet. Damit begann die Europäische Integration
  • Gründer waren Deutschland Niederlande, Frankreich, Belgien
  • Gründe waren der Wunsch nach Frieden sowie die Kontrolle der deutschen Kohle,- und Stahlproduktion
  • Erstmals gaben Staaten nationale Souveränität an eine europäische Behörde ab
  • Die Kooperation im nächsten Schritt war die Gründung der EVG und EPG
  • Sie scheiterten am französischen Parlament, da es dort keine Mehrheit dafür gab

2) ​Die Römischen Verträge

 25.3.1957 in Rom von Regierungsvertretern der sechs Mitgliedsstaaten der Montan-Union unterzeichnet. UBz.: (v.l.n.r.) Bundeskanzler Adenauer, der für die Bonner Regierung unterschrieb, Staatssekretär Hallstein und der italienische Ministerpräsident Segni. Von Bundesarchiv, Bild 183-45653-0001 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de

  • ​Die Bedeutung der Römischen Verträge

Die römischen Verträge entstanden 1957 und stellen einen bedeutenden Schritt in der Integration Europas dar, denn in der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft wurden erstmals Ziele bezüglich eines gemeinsamen Binnenmarktes formuliert. Die Römischen Verträge bestehen einerseits aus der europäischen Wirtschaftsgemeinschaft EWG und andererseits aus der europäischen Atomgemeinschaft EURATOM.  Zusammen mit der Montanunion stellen sie die Gründungsverträge der europäischen Gemeinschaft dar.

  • Die europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG)

1957 -Die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft bildete die Grundlage für die wirtschaftliche Integration. Das Ziel der EWG war im Artikel 2 zur Gründung festgelegt, und zwar „die Errichtung eines gemeinsamen Marktes und die schrittweise Annäherung der Wirtschaftspolitik der Mitgliedstaaten, […] und engere Beziehungen zwischen den Staaten zu fördern, die in dieser Gemeinschaft zusammengeschlossen sind.“ Es bestand bereits in den Anfangszeiten Interesse daran, wirtschaftliche Vorteile und Stabilität durch die Kooperation zu erhalten.  Der Vertrag beinhaltet die "vier Freiheiten": freier Verkehr von Waren, Personen, Dienstleistungen und Kapital.

 Einerseits wollte man die Umgestaltung der wirtschaftlichen Bedingungen des Handels und der Produktion auf dem Gebiet der Gemeinschaft. Das zweite, politischere Ziel sieht die EWG als einen Beitrag zur funktionellen Errichtung eines politischen Europas und stellt einen Schritt in Richtung einer umfassenderen europäischen Integration dar. Kapital sollte sich flexibel bewegen können um Effizienz zu erreichen und die Transaktionskosten sollen gesenkt werden.

„Das Wachstum von Wirtschaft und Handel im „Binnenmarkt“ " soll  "einem großen, vereinten, dem US-amerikanischen Markt vergleichbaren Wirtschaftsraum stimuliert werden."


  • Die europäische Atomgemeinschaft (EURATOM)

1957 - Im Zuge der Römischen Verträge wurde die Europäische Atomgemeinschaft gegründet. Man legte die Kernenergien der Staaten zusammen, teilte sich die immensen Investitionskosten und alle EU -Staaten würden vom Fortschritt profitieren: Es sollte Unabhängigkeit mit diesem Energiesektor erreicht werden.

 Allgemeines Ziel EURATOMS ist die Forschung und  Entwicklung von ziviler Kernenergie und Verbreitung von technischen Kenntnissen. Der Vertrag garantiert der Bevölkerung ein hohes Maß an technischer Sicherheit. Er wurde seid seiner Fassung nicht wesentlich verändert. Beispiel für Kooperationen ist das internationale Fusionsforschungsprojekt ITER, an dem auch Japan und die USA beteiligt sind. 

Der Euratom-Vertrag regelt unter anderem  auch die Förderung der Nuklearforschung, weshalb er besonders von Gegnern der Kernenergie kritisiert wird: Er ist nicht mehr kompatibel mit der Vorstellung von erneuerbaren Energien, der Energiewende  und dem Ausstieg der Atomenergie, der beispielsweise bereits von Deutschland und Österreich angestrebt wird. Es wird eine Reform des Vertrages gefordert 

​Zusammenfassung :

  • 1957 unterzeichneten die Staaten Deutschland, Frankreich, Italien und die Benelux Staaten Belgien, Luxemburg und Niederlande die Römischen Verträge
  • Die römischen Verträge beinhalten 1. die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft EWG und 2. die europäische Atomgemeinschaft EURATOM
  • Die EWG bereitete den Weg für einen gemeinsamen Binnenmarkt mit den "vier Freiheiten" und kurbelte die Wirtschaft an
  • Durch die Gründung von EURATOM sollte Unabhängigkeit erreicht werden, indem man die Investitionskosten teilt und technische Kenntnisse weitergibt.

3) Der Motor Europas

  • ​Der Binnenmarkt

​Den „Zentralen Motor“ der EU stellt der gemeinsame Binnenmarkt dar: Handelsbarrieren und Zölle innerhalb der europäischen Grenzen wurden abgeschafft und der freie Verkehr von Personen, Waren, Dienstleistungen und Kapital ist gewährleistet. Man hatte zum Ziel die Wirtschaft anzukurbeln, also dehnten die Gründungsländer ihren Markt aus und somit auch die Möglichkeiten. Das Kapital sollte sich flexibel bewegen können. Auch wurde somit der Frieden ein Stück weit mehr gesichert: Man könne durch einen gemeinsamen Markt kein Krieg gegeneinander führen, da man seine eigene Wirtschaft beschädigen würde.Diese Freiheiten stehen in ihrer Gesamtheit jedoch erst seit 1993 zur Verfügung.

Heute stellt der Binnenmarkt der Europäischen Union den größten gemeinsamen Wirtschaftsraum der Welt dar: Das Bruttoinlandsprodukt der EU umfasste im Jahre 2017 15,3 Billionen Euro. Diese Entwicklung brachte den Europäern Frieden, Perspektiven und vor allem: Wohlstand. Das Programm zur Schaffung des gemeinsamen Binnenmarktes bestand aus ungefähr 300 Einzelmaßnahmen. Diesem Prozess fördernd war der Umstand, dass sich Anfang der 1980ger Jahre die Wirtschaft in Nordamerika sowie Asien dynamisch entwickele, während Europa unter Stagnation litt. Die Institutionelle Struktur, welche in der Montanunion vorherrschte, wurde nach der Einführung des Drei-Säulen Modells für alle drei der europäischen Gemeinschaften eingesetzt: Das Parlament, die Kommission, der Rat, der Gerichtshof sowie der Wirtschafts- und Sozialausschuss.

Dabei ist wichtig zu bemerken, dass der Entschluss zur gemeinsamen Binnenpolitik und deren Umsetzung nicht durch einen einzelnen Vertrag oder einen „Big Deal“ zustande gekommen ist. Er erfolgte nicht Zeitpunktbezogen, sondern durch einen langwierigen Prozess und Produkt dessen, was die gesamten Integrationsschritte der Europäischen Union beinhalten.

  • Die Einheitlich Europäische Akte (EEA)

1986 - In der Einheitlich Europäischen Akte, auch Vertrag von Luxemburg genannt, wurde die Schaffung eines einheitlichen Binnenmarktes vertraglich festgelegt und die Schritte zur Umsetzung getroffen. Sie trat 1987 in Kraft und sah folgende Punkte vor:

  • Die Ausweitung der Befugnisse der EWG (Europäische Wirtschaftsgemeinschaft) in einigen Politikbereichen wie z.B der Sozialpolitik, Forschung und Umwelt )
  • Die Errichtung des Binnenmarktes bis 1992
  •  Häufigere Mehrheitsentscheidungen im Rat, um die Beschlussfassung in Angelegenheiten des Binnenmarkts zu erleichtern. 

Durch die EEA wurde die Funktionsweise und die Entscheidungsverfahren der EU-Organe, geändert und die Zuständigkeiten der Europäischen Gemeinschaft auf die Bereiche Währung, Forschung und Entwicklung, Umwelt, Verkehr, Sozialpolitik, Arbeitsrechtspolitik und Gleichberechtigung ausgeweitet. Es wurde die »Europäische Politische Zusammenarbeit« (EPZ) zur gemeinsamen Außenpolitik eingeführt. Erwähnenswert ist ebenfalls die Aufnahme einer qualifizierten Mehrheitsentscheidung und die Stärkung des Parlaments. Auswirkungen durch den Binnenmarkt auf weniger entwickelte Länder wurden durch die Einrichtung einer Politik des wirtschaftlichen und sozialen Zusammenhalts ausgeglichen.

  • Der Vertrag über die Europäische Union (EUV)

1992 -Durch den Vertrag über die Europäische Union wurde die EU gegründet, die Europäische Währungsunion vorbereiten und Elemente einer politischen Union (Bürgerschaft, gemeinsame Außen- und Innenpolitik) eingeführt. Geändert und ergänzt wurde dieser durch den Vertrag von Amsterdam (1997), den Vertrag von Nizza (2001) und den Vertrag von Lissabon (2007)

Es gab neue Formen der Zusammenarbeit zwischen den Regierungen der EU-Länder, z. B. in den Bereichen Verteidigung, Justiz und Inneres. Die europäische Integration wurde somit auf ein neues Niveau gehoben, um „den Prozess der Schaffung einer immer engeren Union der Völker Europas […] weiterzuführen“


​Zusammenfassung :

  • Der Gemeinsame Binnenmarkt ist der „Zentrale Motor der EU“ und erfolgte in mehreren Schritten
  • Gründer waren Deutschland Niederlande, Frankreich, Belgien, Italien und Luxemburg 
  • Es wurden konkrete Maßnahmen in der EEA vereinbart, um Handelsbarrieren und Zölle abzuschaffen, den freien Verkehr von Personen, Waren, Dienstleistungen und Kapital zu gewährleisten
  • Durch die EEA wurden die Bereiche der Europäischen Gemeinschaft ausgeweitet 
  • Heute stellt der Markt der EU den größten Wirtschaftsraum weltweit dar

​Was haben wir gelernt ?

Die Gründung der europäischen Union war kein zeitpunktbezogenes Ereignis, das durch einen "Big Deal" zustandekam, sondern ein langwieriger Prozess, andessen Anfang die Kooperation in einem wirtschaftlichen Bereich stand: der  Produktion von Kohle und Stahl( Montanunion ). Anschliessend versuchte man diese Kooperation auszuweiten auf die Europäische Verteidigungsgemeinschaft EPG  und die  Europäische Politische Gemeinschaft EPG. Dieser Schritt scheiterte am französischen Parlament, bei dem es keine Mehrheit dafür gab. Ein zentraler Schritt wurde durch die Römischen Verträge vollbracht: Die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft EWG  und die Europäische Atomgemeinschaft stellen die Gründungsverträge der Europäischen Gemeinschaft dar. Schon in der EWG ist das Ziel eines gemeinsamen Binnenmarkts präsent, doch erst durch die Einheitlich Europäische Akte  wurden konkrete Umsetzungsmaßnahmen getroffen. Weiterführend kam es zu dem Vertrag  über die Europäische Union. 

Heute umfasst die Union 28 Mitgliedsstaaten: Belgien, Bulgarien, Dänemark, Italien, Deutschland, Frankreich, Estland, Lettland, Finnland, Griechenland, Irland, Kroatien, Litauen, Luxemburg, Malta, Österreich, Polen, Portugal, Rumänien, Schweden, Slowakei, Rumänien, Spanien, Tschechien, Ungarn, Zypern und (noch) das Vereinigte Königreich.

Erfahre hier mehr über die Europäische Union.

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Aleksandra N.D. Engler

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